Jürgen Münzer

Sirens
Київ/Wachtberg, 2026


Die Stadt wird heute zur Kathedrale, der Himmel heute zur Hoffnung. Die Orgel- und Chorgesänge schweben durch Kyjiw, erhaben wird der Raum, in dem ich mich befinde. Gebt Himars, gebt Patriot, close the sky over Ukraine. Die Musik triggert Tränen. Der Krieg ist die absolute Unterdrückung von Gefühlen und das Nach-hinten-drücken verhindert, dass man auseinanderfällt.

Von meinen Notizen zur Zerstörung der Stadt, Kyjiw 2026

Meine Sirenen-Skulptur aus unserer Performance „So Quiet“ steht nun dauerhaft auf dem Gelände des Wachtbergs als Erinnerung an unsere Performance und an die anhaltenden russischen Angriffe auf Kyjiw, die wir in den letzten Monaten miterlebt haben.

In Kyjiw wurde mir bewusst, was die Stadt für unser Verhältnis zur Welt bedeuten kann. Die russischen Städtezerstörer schrecken vor nichts zurück, Wohnhäuser, Schulen und zivile Infrastruktur sind allesamt Ziele in ihrem Unterwerfungskrieg gegen die Ukraine. Bogdan Bogdanović hat das den Mord an der Stadt genannt. Denn die Stadt ist Trägerin der Kultur, und genau deshalb soll sie ausgelöscht werden. Sie ist unser Instrumentarium zum Verständnis von Welt, sie hilft uns, uns als Städter und Individuen zu verorten, und sie wirft die Fragen auf: Wo stehen wir? Was passiert hier? Wer sind wir? Sie hilft uns dabei, eine Stimme zu finden.

Die Idee für den Wachtberg war, ein Stück Stadt in die österreichische Landschaft zu übertragen: die Sirene, die in Kyjiw täglich über allem liegt. Meinen Sirenen wurde die Stimme genommen. Es bleibt ein symbolischer Alarm zwischen Himmel, Wald und Erde, der hier nicht nur vor dem russischen Angriffskrieg warnt, sondern auch vor dem, was der Natur selbst geschieht.

Photos: Sascha Osaka

The project was made possible in the frame of the 33rd Sculpture Symposium "Kunst in der Natur" on the Wachtberg in Gars am Kamp, Austria.